Dienstag, 28. Juli 2009

Die Krise als Chance für eine ehrliche Wertediskussion und neue Glaubwürdigkeit

Ehrlich gesagt, so langsam bin ich echt genervt, wie das Thema Krise in Medien und Politik diskutiert wird. Die ewige Suche nach den Schuldigen auf der einen Seite und nach Regeln auf der anderen Seite mag ja die Gemüter erhitzen oder auch beruhigen, je nachdem, wen es berifft. Aber es ist wie mit strengen Dopingregeln, dann findet man halt andere Wege, die rechtlich legal und moralisch fragwürdig sind. Regeln bauen eine Drohkulisse auf, aber sie beschäftigen sich nicht mit den Ursachen.

Das Grundproblem liegt meiner Ansicht nach viel tiefer, es fehlt an Einsicht und Bewusstsein. Das ständige Hecheln nach immer größer, höher, weiter ist zu einem Fetisch in unserer westlichen Welt geworden. Was zählt ist der kurzfristige Erfolg, der natürlich immer höhere Dimensionen erreichen sollte.

"Ein Unternehmen braucht Gewinn wie ein Mensch Nahrung und Flüssigkeit. Aber beides ist die Grundlage, nicht der Daseinszweck," sagt der Dalai Lama.

Wenn wir Entwicklungsprozesse in Unternehmen begleiten, stellen wir häufig Fragen wie "wozu sind Sie eigentlich da?"oder "wozu braucht die Welt Ihr Unternehmen?" Bei der Beantwortung dieser Frage kommen manche Unternehmenslenker schnell ins Grübeln. Fragt man sie nach ihren Visionen, erhält man häufig Antworten wie "Umsatz und Gewinn um x Prozent zu steigern" oder "den Markanteil zu erhöhen." Das mögen quantitativ durchaus wichtige Ziele sein, über den eigenlichen Zweck des Unternehmens sagen sie nichts aus.

Hier ist etwas aus dem Ruder gelaufen und die Menschen spüren das und ziehen ihre Konsequenzen daraus. Aus der Finanz- und Wirtschaftskrise ist längst eine Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise geworden.

Viele Mitarbeiter haben innerlich gekündigt oder machen Dienst nach Vorschrift. Das Vertrauen, dass Führungskräfte das Wohl des Unternehmens und damit auch der Mitarbeiter und der Kunden im Auge haben, ist massiv geschwunden. Den Politikern und Parteien laufen die Mitglieder, aber vorallem auch die Wähler weg. Es scheint, als wäre ihnen der Machterhalt wichtiger, als den Menschen und dem Land zu dienen.

Aber es sind nicht nur einige wenige Führungskräfte, die sich vergaloppiert haben. Jeder Mensch in unserer Gesellschaft muss sich auch selber an der eigenen Nase fassen. Wie sehr haben wir kontinuierliches Wachstum an Einkommen, Status, Macht zu einem wesentlichen Teil unseres Antriebs und damit auch zu unserem Sinn gemacht? Und wie soll das in einer globalisierten Welt eigentlich auf Dauer funktionieren?

"Der krasse Egoismus der letzten Jahre wird sozial geächtet sein. Menschen Sinn zu ermöglichen wird wichtiger" sagt Malik. Das wird sicherlich eine zentrale Führungsaufgabe in der Zukunft sein. Aber das Thema Sinn kann man nicht an einige Wenige delegieren. Jeder Mensch ist dabei gefordert.

Wir brauchen in unserer Gesellschaft eine ehrliche Wertediskussion. Was ist uns wirklich wichtig? Und damit es kein Wunschzettel an den Weihnachtsman wird, was sind wir bereit dafür zu tun und welchen Preis sind wir auch bereit dafür zu zahlen?

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass Wertorientierung und Glaubwürdigkeit für Politiker und Unternehmen ein echter Wettbewerbsvorteil sein werden. Untersuchungen bestätigen, dass nachhaltig wirtschaftende und wertorientierte Unternehmen auf Dauer erfolgreicher sind.

Glaubwürdigkeit erwirbt man sich jedoch nicht durch Reden, Versprechungen und Hochglanzbroschüren. Alfred Herrhausen sagte: "In der Wirtschaft fehlen Menschen, die sagen, was sie denken, tun, was sie gesagt haben und sind, was sie tun." Dem schließe ich mich an.

6 Kommentare:

  1. Hallo Herr Huber,

    nach dem Lesen Ihres Beitrags denke ich an den Satz "der Fisch stinkt zuerst am Kopf".

    Werteorientierung und Glaubwürdigkeit sind überall ein wichtiger Punkt ... und wenn wir nicht unseren Kindern genau diese Punkte vorleben, werden sie sich an den bestehenden "Vorbildern" orientieren und es wird weiter nach "höher, schneller, besser, mehr ..." gerufen werden.

    In meinen Augen ist der kleinste gemeinsame Nenner für diese Diskussion der Respekt, den ich vor meinem Gegenüber habe. Egal, welche Position oder Funktion er/sie hat.
    Hier haben wir m. E. noch viel zu lernen.

    Dagmar Schnappinger

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  2. Hallo Frau Schnappinger,

    das sehe ich genauso. Jeder Mensch ist in seinem beruflichen und privaten Umfeld als Vorbild gefragt, vorallem dort, wo er Macht und damit auch Verantwortung hat.

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  3. Mit dieser Diskussion begibt man sich auf einen langen, staubigen Weg. Zunächst muß geklärt werden, wie für jeden Einzelnen ein erfüllter beruflicher Weg aussehen kann und wie dieser in etwas Globales, "Nachhaltiges" eingebunden werden kann.
    Dann gilt es, in sich bereits verselbständigte Prozesse (in Politik und Wirtschaft)einzugreifen oder diese durch starke Alternativen zu verdrängen.
    Neue Wertesysteme werden entstehen müssen.
    Und das nicht nur vor der Haustür, sondern irgendwann weltweit....
    Wie gesagt, ein langer Weg. Aber ich finde es richtig, ihn zu gehen.
    Und wenn Jede(r) das einbringt, was er vielleicht teilweise davon schon lebt, erfahren hat oder als Unmut in sich spürt, sollte das auch gelingen.

    Grüße aus Freiburg

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  4. Ich glaube, dass die Menschen durch die aktuelle Krise hoch sensibilisiert sind. Sie wollen lieber die Wahrheit (gibt es die eine?)hören und wissen, woran sie sind, statt im Nebel gelassen zu werden oder gar im Regen zu stehen. Und sie wollen lieber mitgestalten, statt sich als Opfer äußerer Umstände zu fühlen.

    Insofern ist ein staubiger Weg auf dem man voran kommt, mit gelegentlichem Sonnenschein, eine gute Alternative.

    Grüße aus dem (noch)sonnigen Freiburg

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  5. Angela von Lerber3. August 2009 um 19:22

    Die Krise als Chance? - Ich hoffe sehr, dass sie uns nicht bloss dazu veranlasst, vergangenes Fehlverhalten und gescheiterte Werte zu überdenken, sondern auch dazu, einen Schritt weiter zu gehen und die Strukturen, Systeme und Anreize neu zu erfinden. Damit unser Wirtschaften dem Wohl einer globalen Gemeinschaft dient. Ein solches Unterfangen, wird wohl beim besten Willen noch viel gemeinsame Denkarbeit, Meinungsbildung, Rück- und Fehlschläge fordern... eine Utopie?

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  6. Hallo Frau von Leber,

    Sie haben recht, mit der Diagnose alleine ist es nicht getan. Der Schlüssel ist für mich "gemeinsam" zu Denken, zu Diskutieren, zu Handeln. Mir begegnen immer mehr Menschen, die bereit sind, aktiv einen Beitrag für den Wandel zu leisten, oder dies längst schon tun. Diese Energien gilt es zu bündeln. Dabei wird es darauf ankommen, die richtigen Menschen zusammen zu bringen und gemeinsame Projekte zu initiieren. Denn alleine geht jedem früher oder später die Kraft aus.

    Grüße aus München

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