Mittwoch, 29. Juli 2009

Ulla Schmidt und Botschaften, die man sich nicht leisten kann

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und die gesellschaftliche Aufregung um die private Nutzung ihres Dienstwagens im Urlaub ist ein anschauliches Beispiel dafür, welch große Wirkung vergleichsweise kleine Handlungen haben, wenn das gesellschaftliche Umfeld hoch sensibilisiert ist.

In einer Zeit, in der die Politik die Menschen zum Sparen aufruft, wird die großzügige Auslegung der Dienstwagenregelung zu einem Politikum. Dabei spielt es für die Bewertung durch die Öffentlichkeit dann keine große Rolle, ob die Entscheidung rechtlich einwandfrei ist, oder nicht. Denn geltendes Recht und das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen sind nicht immer deckungsgleich.

Ähnlich verhält es sich z.B. mit den hohen Boni oder Abfindungen für manche Topmanager, während gleichzeitig Mitarbeiter aus Kostengründen kurzarbeiten müssen, oder ihren Arbeitsplatz verlieren. Rechtlich ist dieser Vorgang einwandfrei, es existieren gültige Verträge auf deren Einhaltung man bestehen kann. Moralisch hingegen werden diese Regelungen häufig anders bewertet.

Politiker stehen ähnlich wie Führungskräfte immer auf der öffentlichen Bühne. Umso erstaunlicher ist, wie unsensibel sie gelegentlich damit umgehen.

Die Wirkung von Führungsverhalten und Unternehmensentscheidungen auf die Menschen wird oft unterschätzt, schließlich orientiert man sich dabei doch meist an einer klaren Faktenlage. Entscheidungen auf der Sachebene sind jedoch immer auch Botschaften auf der Beziehungsebene und damit auch in die Unternehmenskultur bzw. in die Gesellschaft.

Auf der reinen Sachebene sind dies angesichts der Gesamtdimensionen materiell oft nur Kleinigkeiten, aus der "Portokasse" bezahlbar, aber die immaterielle Botschaft ist gewaltig. Man kann sich die Entscheidung vielleicht wirtschaftlich leisten, aber kann man sich auch die Botschaft leisten? Und welchen schleichenden, in diesem Moment noch unsichtbaren wirtschaflichen und sozialen Schaden zieht diese Botschaft nach sich?

Führungskräfte sind keine Heiligen und sollen dies auch gar nicht sein. Dennoch sind sie gut beraten, wenn sie bei ihren Entscheidungen achtsam dafür sind, welche Botschaften sie damit gleichzeitig kommunizieren. Und wenn sie doch einmal in ein Fettnäpfchen getreten sind, Verständnis für die Wirkung auf die Menschen zeigen und sich einfach dafür zu entschuldigen, statt ihre Entscheidung ausschließlich sachlich zu verteidigen.

Was meinen Sie dazu?

4 Kommentare:

  1. Hallo Herr Huber,
    das Thema wäre schnell vom Tisch gewesen, wenn Frau Schmidt die Größe gehabt hätte, sich zu entschuldigen. Warum haben Politiker und Führungskräfte bloß soviel Angst, Fehler zuzugeben? Oder ist es Überheblichkeit?

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  2. Hallo Frau Müller,

    ich glaube darauf gibt es soviele Antworten, wie es unterschiedliche Menschen gibt. Sicherlich gibt es manche Führungskräfte, denen ein Zacken aus der Krone bricht, wenn sie Fehler eingestehen müssen. Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die nur auf deren Fehler warten, um sich moralisch darüber zu entrüsten. Gerade unter Politikern ist dies leider sehr verbreitet. Können Sie sich erinnern, wann das letzte Mal ein Politiker einen Kollegen aus dem "gegnerischen Lager" für seine Leistung gelobt hat?

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  3. Hallo Herr Huber,

    ach ja, ich möchte mich auch entrüsten:-). Am Donnerstag habe ich in der Welt gelesen, dass US-Banken ihren Mitarbeitern in Summe mehr Boni auszahlen, als sie Gewinne erwirtschaftet haben. Zitat: "Kaum sparsamer die Bank of America. Sie bekam ebenfalls 45 Milliarden Dollar Überlebenshilfe von der Regierung – und schüttete 3,3 Milliarden Dollar Boni aus. Allein 172 Beschäftigte bekamen mindestens eine Million, davon 28 mehr als drei Millionen Dollar. Das Institut machte im vergangenen Jahr noch 2,56 Milliarden Dollar Gewinn."

    Ich möchte so gern an eine höhere Gerechtigkeit glauben und daran, dass solch rücksichtsloses Verhalten sich rächt - wo ich mir doch immer mal wieder Gedanken darüber mache, wie ich selbst mich anständig verhalten kann. Aber ich fürchte so einfach funktioniert die Welt nicht. Nicht jeder legt die selben Maßstäbe an sein Verhalten an und wahrscheinlich können auch die "bösen Bänker" und "skrupellosen Politiker" noch gut schlafen und in den Spiegel schauen.

    Trotzdem schade.

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  4. Hallo Frau Brandt-Biesler,

    ja, das kann ich gut verstehen. Es ist frustrierend, wenn man selber versucht, sich anständig zu verhalten - und das ist nicht immer leicht - und erlebt, wie andere Menschen sich über alle Werte erheben und ihr "Ego-Süppchen" auf Kosten anderer kochen.

    Ich erlebe in meiner Arbeit mit Führungskräften aber auch eine Gegenbewegung, die immer mehr Zuwachs bekommt: Das Engagement für wertorientierte, verantwortungsbewußte Führung.

    Regnerische Grüße aus München

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